Als ich meine ersten Fotoaufnahmen von Zügen machte, verdienten die letzten Be 4/6 des Depots Winterthur ihr Gnadenbrot vor Stückgüterzügen wie dem 8049 von Zürich nach Schaffhausen. Beim langen Aufenthalt in Bülach stellte die Be 4/6 den Zug mit einem längeren Rangiermanöver neu zusammen. Am 07.09.1970 steht die Be 4/6 12305 bereit zur Abfahrt. Im Hintergrund wartet eine Be 6/8 II mit einem Kieszug ebenfalls auf grünes Licht. Bülach, 07.09.1970 Foto: © Edi Meier, Bülach
1970 gab es an Samstagen noch eine letzte planmässige Leistung von Be 4/6 Lokomotiven vor Reisezügen: Zug 2867 von Koblenz nach Winterthur. Am 19.09.1970 war die Lok 12305 in diesen Dienst eingeteilt und steht in Bülach abfahrbereit vor ihrem Zug mit schweren Wagen. Am 22.05.1971 war Schluss mit dieser Leistung und eingeteilt war die Lokomotive 12320, damals noch grün, heute die historische Lokomotive… Bülach, 19.09.1970 Foto: © Edi Meier, Bülach
Am 04.07.1970 wäre eigentlich Lokomotive Be 4/6 12333 in diesen Dienst eingeteilt gewesen. Doch sie erlitt in Bülach einen Defekt. Zu unserer Überraschung eilte als Ersatz eine Schwesterlok von Winterthur zur Hilfe, so dass sich dieses Bild mit zwei Be 4/6 realisieren liess. Am Personenzug ist der 2-, oder 3- achsige Gepäckwagen diesen Abend direkt hinter der Lok Be 4/6 12305 eingereiht. Bülach, 04.07.1970 Foto: © Edi Meier, Bülach
Der Einsatz der Be 4/6 näherte sich 1971 dem Ende zu und etliche Lokomotiven waren bereits ausgemustert. Umso grösser war die Überraschung als die Be 4/6 12305 nach einer Revision R2 am 16.07.1971 wieder aus der Werkstatt Bellinzona in den Betrieb zurückkehrte. Mit frisch gestrichenen Pufferbohlen und silbrigem Rostschutz auf den Metallverstärkungen an der Dachkante posiert die Lokomotive Be 4/6 12305 am 02.08.1971 vor dem Güterzug 8049 Bülach – Schaffhausen. Das war übrigens nicht die letzte Revision an einer grünen Be 4/6. Die Schwesterlokomotive 12339 erhielt 1973 noch eine R1 und war danach als letzte unterwegs. Foto: © Edi Meier, Bülach
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Apropos Revisionen und Reparaturen: 1969 kehrte die Be 4/6 12305 nach einer Reparatur aus Bellinzona zurück.
Mein Freund Stefan Unholz schaute etwas genauer hin und entdeckte, dass das Nummernschild auf beiden Seiten mit neuen glänzenden Schrauben befestigt war, während am Fabrikschild alte mit Roststaub bedeckte Schrauben für Halt sorgten. Die Nummern auf dem Fabrikschild (SLM 2868 / BBC 1286) gehören nicht zur Lok 12305, sondern zur Schwesterlok 12310. Die Schrauben am Nummernschild an der Stirnfront schienen alt zu sein.
Was war während der Reparatur passiert? Anhand der Indizien nehmen wir an, dass besser erhaltene Teile der Seitenwände der 12310 zur 12305 gewechselt wurden. Die Hauptwerkstätte Bellinzona verneinte übrigens einen Tausch. Sicher ist: die Lok 12310 stand damals in der HW Bellinzona und wurde kurze Zeit später als ausrangiert gemeldet. Fotos: © Stefan Unholz, Winterthur (damals Bülach)
Am 07.01.1972 fehlte am eingeteilten Pendelzug nach Bülach der RBe 4/4. Die Be 4/6 12305 zog den Wagenteil in den Bahnhof Winterthur. Das Gleiche geschah auch schon am 17.12.1971. Gemäss meiner Erinnerung bewegte sich die Be 4/6 beim einen Mal nach diesem Rangiereinsatz weiter Richtung Rangierbahnhof und ein vom Depot hinterhergeschickter RBe 4/4 übernahm am Perron den bereitgestellten Zug. Beim anderen Mal hingegen blieb die Lok am Zug und beförderte ihn nach Bülach. Foto: © Edi Meier, Bülach
Natürlich braucht ein Veteran hin und wieder eine Pause. Am 17.01.1972 als diese Aufnahme hinter dem Depot Winterthur entstand war die Lok Be 4/6 12305 die älteste noch planmässig eingesetzte Streckenlok der SBB. Foto: © Edi Meier, Bülach
Fertig ausgeruht! Am 14.02.1972 macht sich die Be 4/6 12305 im Depot Winterthur bereit für den nächsten Einsatz… Foto: © Edi Meier, Bülach
Ein Jahr nach der Revision war am 19.07.1972 von der neuen Farbe nicht mehr viel sichtbar. Unten am Antrieb sind wieder deutliche Ölspuren sichtbar. Die Lokomotive beim Rangieren in Bülach auf der Winterthurer Seite vor dem Güterschuppen. Foto: © Edi Meier, Bülach
Am 20.12.1974 war hinter der ältesten SBB Streckenlok Be 4/6 12305 ein brandneuer Aluminium Getreidewagen eingereiht. Ein grosser Kontrast und Altersunterschied. Bei langen Zügen mussten sich die Rangierfahrten von der Zürcher Seite zur Winterthurer Seite manchmal weit aufs Streckengleis vorwagen. Wir verfolgten das Geschehen auf der Parallelstrasse mit dem Velo… Links neben der Lokomotive sieht man das Schweisswerk Bülach, das damals noch in Betrieb war und sich auch mal im Bau von Schienenfahrzeugen übte… Foto: © Edi Meier, Bülach
Am 20.12.1974 kurz vor Weihnachten rangiert die Be 4/6 12305 vor ein paar älteren Güterwagen mit Holzkasten. Im Hintergrund ein Gebäude der Glashütte Bülach, ein weiteres Industrieunternehmen, das zwar noch existiert, aber nicht mehr in Bülach produziert. Foto: © Edi Meier, Bülach
Natürlich fielen wir fotografierenden Schüler den Bülacher Lokführern auf und der eine, oder andere lud uns ein, einen Blick in den Führerstand zu werfen. Stefan Unholz hat bei einer solchen Gelegenheit den Führerstand der Be 4/6 12305 fotografisch festgehalten. Foto: © Stefan Unholz, Winterthur
Hier ist die Lok 12305 am 25.02.1975 mit dem Zug 8049 unterwegs in der ersten Kurve nach Bülach. Man beachte den schönen Gittermast der Fahrleitung mit Joch (nein nicht den Gittermast der Hochspannungsleitung…). Dazu eine Anekdote… Foto: © Edi Meier, Bülach
Einer der Bülacher Lokführer lud mich sogar ein, einmal auf einer Be 4/6 Lok mitzufahren. Eines Tages bestieg ich als angeblicher „Führergehilfe“ die Be 4/6 12320 und ich durfte ihn seine ganze Schicht lang begleiten. Mit einem schweren Zug ging es Richtung Eglisau. Rasch war klar, dass die Lok eine kleine Flachstelle hatte. Das sei aber kein Problem, er zeige mir nun wie man das wegkriegt. In der Geraden zwischen Glattfelden und Eglisau bremste er den Zug an, löste aber gleichzeitig die Bremse der Lok. Dann schaltete er kräftig auf bis die Räder durchdrehten. Dabei forderte er mich auf ich aus dem Fenster zu schauen und die Lokwand zu beobachten… Deutlich war zu sehen, dass sich der Mittelteil quer zum Gleis hin und her bewegte. Wegen des schweren Trafos in Lokmitte verwindet sich der Kasten unter schwerer Last. Ein eindrückliches Erlebnis! Und ja: die Flachstelle war weg. Und noch wichtiger: die Lokomotive hat die Prozedur schadlos überstanden und ist noch heute als historische Lok unterwegs.
Die Be 4/6 12305 präsentiert ihre markante Silhouette vor dem Güterzug 8049 bei Höri. 27.02.1975 Foto: © Edi Meier, Bülach
Ein besonderes Ereignis war jeweils die Rückkehr einer reparierten, oder revidierten Be 4/6 aus der Werkstatt Bellinzona. Meist wurde diese Lok in einen leichten Zug eingeteilt und überwand den Gotthard in eigener Kraft. Leider habe ich das verpasst, weshalb ich meinen Kollegen Christian Zellweger um Hilfe bat und diese prompt erhielt. Herzlichen Dank! Die Be 4/6 12305 hat im Herbst 1973 mit ihrem stilechten Stückgüterzug 16627 soeben Airolo erreicht. Foto: © Ralph Schorno / Sammlung Christian Zellweger
Am 22.02.1975 hat die Be 4/6 12305 nach der Überquerung des Gotthard das Depot Erstfeld erreicht, wo sie zusammen mit einem anderen Veteranen, der Be 6/8 II 13254 von Christian Zellweger fotografisch festgehalten wurde. Foto: © Christian Zellweger
Später im Jahr 1975 erlitt die Be 4/6 12305 einen Defekt und musste für die Reparatur nach Bellinzona geschleppt werden. Rasch gingen in Fotografenkreisen Gerüchte um, dass die Schleppfahrt nicht sauber eingerichtet, oder umgesetzt wurde und die Lok dabei zusätzlich beschädigt wurde. Kurze Zeit später kam die Meldung von der Ausrangierung und es folgte der Abbruch in Biasca. Diese Aufnahme ins Gegenlicht zeigt, dass das hintere Drehgestell schwer beschädigt ist. Die Triebstange ist verbogen und der Motorzapfen fluchtet nicht mehr mit den Räderzapfen. 07.10.1975 Foto: © Edi Meier, Bülach
Ein trauriges, aber irgendwie auch faszinierendes Bild: die rauchende Be 4/6 12305 mit aufgerissenen Seitenwänden im Abbruch in Biasca. Möglich, dass die bereits fehlenden Seitenwände auch dem Tauschumfang von 1969 mit der 12310 entsprechen… Dass man die ölgetränkten Holzteile und Ummantelungen der Elektrokabel mit einem absichtlich gelegten Feuer entfernte, war damals übliche Praxis und würde heute die Umweltschutzbehörde auf den Plan rufen… 07.10.1975 Foto: © Edi Meier, Bülach
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